Rezidivierende depressive Störung: Wenn die Depression wiederkommt
Die rezidivierende depressive Störung (ICD F33) bedeutet wiederkehrende depressive Episoden. Ursachen, Diagnose und Behandlung.
Eine Depression kann ein einmaliges Ereignis im Leben sein. Doch bei vielen Betroffenen kehrt sie zurück, manchmal nach Monaten, manchmal nach Jahren. Mehr als zwei Drittel der Menschen, die an einer Depression erkranken, erleben im Laufe ihres Lebens mindestens einen Rückfall. Wenn depressive Episoden wiederholt auftreten, sprechen Fachleute von einer rezidivierenden depressiven Störung. Diese Diagnose beschreibt kein grundlegend anderes Krankheitsbild, sondern ein bestimmtes Verlaufsmuster, das besondere Aufmerksamkeit erfordert, insbesondere im Hinblick auf die Rückfallprävention.
Definition und ICD-Klassifikation
Die rezidivierende depressive Störung ist in der internationalen Klassifikation psychischer Erkrankungen (ICD) unter dem Kürzel F33 eingeordnet. Voraussetzung für die Diagnose ist, dass mindestens zwei depressive Episoden aufgetreten sind, zwischen denen eine Phase ohne depressive Symptome lag. Diese symptomfreien Intervalle können Wochen, Monate oder auch Jahre andauern. Auch die jährlich wiederkehrende Winterdepression zählt zu den rezidivierenden depressiven Störungen.
Wichtig ist die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen: Bei einer bipolaren Störung wechseln sich depressive Episoden mit manischen oder hypomanischen Phasen ab, in denen Betroffene übermäßig euphorisch, rastlos oder enthemmt sind. Treten solche manischen Phasen auf, wird keine rezidivierende depressive Störung, sondern eine bipolare affektive Störung diagnostiziert. Auch von der Dysthymie, einer längerfristig andauernden depressiven Verstimmung über mehr als zwei Jahre, grenzt sich die rezidivierende depressive Störung durch ihre episodenhaften Verläufe mit Phasen weitgehender Beschwerdefreiheit ab.
Ursachen
Die Gründe, warum eine Depression wiederkehrt, sind vielfältig. Meist spielen mehrere Faktoren zusammen.
Genetische Veranlagung: Studien deuten darauf hin, dass eine familiäre Häufung depressiver Erkrankungen besteht. Wer nahe Verwandte mit Depressionen hat, trägt ein erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken. Eine genetische Veranlagung allein führt jedoch nicht zwangsläufig zu einer Depression. Sie erhöht lediglich die Anfälligkeit.
Belastende Lebensereignisse: Verluste, Trennungen, berufliche Krisen, Armut oder anhaltender Stress können depressive Episoden auslösen, besonders bei Menschen mit einer Vorgeschichte. Betroffene berichten häufig, dass spätere Episoden auch ohne einen klar erkennbaren Auslöser auftreten, was auf eine zunehmende Empfindlichkeit des Nervensystems hindeuten kann.
Persönlichkeitsfaktoren: Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale wie ein ausgeprägter Perfektionismus, starke Selbstkritik oder die Neigung, Konflikte zu vermeiden, können das Risiko für wiederkehrende depressive Episoden erhöhen. Auch ein geringes Selbstwertgefühl spielt eine Rolle.
Biologische Faktoren: Veränderungen im Stoffwechsel bestimmter Botenstoffe im Gehirn, insbesondere von Serotonin und Noradrenalin, werden mit der Entstehung depressiver Episoden in Verbindung gebracht. Bei wiederkehrenden Verläufen können diese neurobiologischen Prozesse eine zunehmende Eigendynamik entwickeln.
Symptome und Schweregrade
Die Symptome einer rezidivierenden depressiven Störung entsprechen im Wesentlichen denen einer einzelnen depressiven Episode. Dazu gehören anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und vermindertes Selbstwertgefühl. Die Beschwerden können sich auch körperlich zeigen, etwa durch erhöhte Infektanfälligkeit, Kopfschmerzen oder übergroße Müdigkeit. Eine rezidivierende depressive Störung kann in jedem Lebensalter auftreten, typisch ist jedoch ein Beginn ab dem 30. Lebensjahr.
Die ICD unterscheidet je nach Schwere der aktuellen Episode verschiedene Abstufungen:
- F33.0 — Leichte depressive Episode: Die Kernsymptome sind vorhanden, aber die Alltagsbewältigung ist noch weitgehend möglich.
- F33.1 — Mittelgradige depressive Episode: Die Symptome sind stärker ausgeprägt und beeinträchtigen den Alltag deutlich.
- F33.2 — Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome: Die Symptomatik ist so ausgeprägt, dass normale Aktivitäten kaum noch möglich sind.
- F33.3 — Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen: Zusätzlich können Wahnvorstellungen oder Halluzinationen auftreten, die inhaltlich häufig mit Schuld, Verarmung oder drohenden Katastrophen zusammenhängen.
- F33.4 — Gegenwärtig remittiert: Die Diagnose bleibt bestehen, obwohl aktuell keine depressiven Symptome vorliegen, da das Rückfallrisiko weiterhin besteht.
Diagnose
Die Diagnose wird durch einen Facharzt oder Psychotherapeuten gestellt. Grundlage sind ausführliche Gespräche, in denen die aktuelle Symptomatik, der bisherige Krankheitsverlauf und mögliche Auslöser erhoben werden. Entscheidend ist die sorgfältige Abgrenzung gegenüber einer bipolaren Störung, einer saisonalen Depression oder einer Dysthymie.
Ergänzend können standardisierte Fragebögen eingesetzt werden. Körperliche Untersuchungen, etwa der Ausschluss einer Schilddrüsenunterfunktion oder eines Vitaminmangels, helfen dabei, organische Ursachen auszuschließen.
Behandlung und Rückfallprävention
Die Behandlung einer rezidivierenden depressiven Störung umfasst in der Regel zwei Phasen: die Behandlung der akuten Episode und die langfristige Vorbeugung weiterer Episoden.
Akutbehandlung
In der akuten Phase kommen Psychotherapie und gegebenenfalls Medikamente zum Einsatz. Insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie hat sich als wirksam erwiesen, ebenso psychodynamische Verfahren. Antidepressiva können die Symptome lindern und werden je nach Schweregrad vom Arzt empfohlen.
Erhaltungstherapie und Rückfallprophylaxe
Nach dem Abklingen der akuten Symptome wird häufig eine Erhaltungstherapie empfohlen. Dabei wird die medikamentöse Behandlung über mehrere Monate fortgeführt, um einen Rückfall zu vermeiden. Bei Betroffenen mit mehreren Episoden kann eine langfristige Rückfallprophylaxe sinnvoll sein, die über Jahre beibehalten wird. Rückfälle treten am häufigsten innerhalb der ersten sechs Monate nach der vermeintlichen Genesung auf, sind aber auch noch Jahre später möglich.
Alltagsbezogene Maßnahmen
Neben der professionellen Behandlung können Betroffene selbst einiges tun, um das Rückfallrisiko zu senken. Regelmäßige Bewegung, ein stabiler Tagesrhythmus, bewusste Stressbewältigung und die Pflege sozialer Kontakte gelten als schützende Faktoren. Auch achtsamkeitsbasierte Verfahren wie die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie (MBCT) wurden speziell zur Rückfallprävention bei wiederkehrenden Depressionen entwickelt und können helfen, Frühwarnzeichen rechtzeitig zu erkennen. Viele Betroffene lernen im Laufe der Zeit ihre individuellen Alarmsignale kennen und wissen, welche Aktivitäten ihnen in schwierigen Phasen helfen.
Wenn Sie bereits eine oder mehrere depressive Episoden erlebt haben und befürchten, erneut betroffen zu sein, suchen Sie frühzeitig ärztliche oder therapeutische Hilfe. Wichtig ist, bei den ersten Anzeichen aktiv zu werden, solange noch Reste von Antrieb und Motivation vorhanden sind. Je eher eine wiederkehrende Episode erkannt und behandelt wird, desto besser lässt sich ihr Verlauf beeinflussen. Auch in symptomfreien Zeiten kann ein regelmäßiger Kontakt zum Therapeuten sinnvoll sein, um Rückfälle frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern.